Vermächtnis der Kunst im Nachhaltigkeitsprozeß
Seit Mitte der sechziger Jahre hat sich die Kunst zunehmend mit umweltpolitischen und umweltästhetischen Themen und Fragestellungen auseinandergesetzt. Daraus etablierte sich eine neue Kunstrichtung, die heute unter dem Namen „ökologische Ästhetik“ rund um den Globus nachhaltige ökologische und soziale Projekte initiiert. Die künstlerisch – ästhetischen Lösungen für soziale und ökologische Fragestellungen (wie z.B. Regeneration von Tagebau, Umnutzung von Industrieanlagen, Wiederbelebung ländlicher Räume etc.), die im Sinne der Ökologischen Ästhetik herbeigeführt werden konnten, erwiesen sich nicht nur als umweltgerecht, nachhaltig und synergetisch, sondern insbesondere auch als deutlich ökonomischer, als es deren technische Vorschläge hätten jemals sein können. Es ist vor allem dieser ökonomische Aspekt, weshalb die Industrie auch in Deutschland zunehmend Künstler mit Problemlösungen beauftragt.
Was ist aber das eigentliche Vermächtnis der Kunst?
Es ist das Refugium des Unbekannten, zu dem sich die Kunst hingeneigt fühlt. Die Freude daran, etwas neues zu entdecken, das sich außerhalb des bekannten Horizontes befindet. Es ist aber auch die Offenheit, der ihr eigene interdisziplinäre Charakter, das Dazwischenstehen. Das weite Feld der Kunst ist die Wahrnehmung, das nicht Bekannte haptisch in Erfahrung zu bringen, nicht nur aufmerksam zu machen, sondern darüber hinaus zu sensibilisieren, die Sinne zu schärfen, zu täuschen und gleichzeitig zu enttäuschen. Dabei entsteht Bewußtsein, genauer: ökologisches Bewußtsein, denn es werden Zusammenhänge ganzheitlich wahrgenommen. Von dieser Erfahrung durch Täuschung und Enttäuschung zur Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit ist der Weg bis hin zur Entdeckung eigener kreativer Potentiale nicht mehr weit.
Die verschütteten kreativen Optionen in der Bevölkerung wachzurufen, sie zu sensibilisieren und für den Nachhaltigkeitsprozeß zu aktivieren, ist der wesentliche Aspekt der Ökologischen Ästhetik.
Kunst auf dem Feld der Ökologischen Ästhetik hat eine starke sozialpolitische Komponente. Ihre eigentliche Kraft liegt in der Vermittlung unterschiedlicher Interessen. Sie führt die Fäden auf einen ästhetischen Punkt zusammen, in dem sich das Konfliktpotential minimiert. Die integrative Wirkung der Ästhetik nivelliert dabei nichts, sondern gibt den Konfliktparteien lediglich die Möglichkeit einen Standpunkt jenseits dessen einzunehmen, was sie für gültig zu halten vermeinen. Es entsteht ein Dazwischen, ein interdisziplinärer Raum. Und aus ihm heraus springt, wenngleich nur für einen Augenblick etwas bislang Nicht – Bekanntes. Es ist ein blitzartiges Ereignis, das niemals vergessen werden kann, gerade weil es so kurz war. Das Denken und Handeln begibt sich auf den Weg der Veränderung.
Tweet

