Landschaft als Assemblage

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Was erzählt uns die Landschaft?

„Landschaft“ ist eine Erzählerin. Sie ist Assemblage von Geschichten und Geschichte; ein Lexikon der Kultivierung des Menschen. „Landschaft“ ist ein tausendmal übermaltes Tafelbild dem sich jeder einzelne Lebensbereich aufträgt, ohne dabei den anderen zu fragen. Vor Zeiten erzählte „Landschaft“ dem Menschen was er ist, heute spricht sie von dem was er hat. „Landschaft“ ist zur Nutzfläche geworden und befindet sich im permanenten Planungsnotstand.

„Landschaft“ bringt immer den kulturellen Zustand des Menschen, seine Lebensweise, zum Ausdruck. Ihr heutiger Entwurf ist adäquat der, auf den Begriff der „Arbeit“ hin konzipierten, Gesellschaft. Die gegenwärtige Auflösung dieser Konzeption zeichnet sich in die „Landschaft“ als Brachen. Mangels einer neuen Gesellschaftskonzeption, die schon ihre ästhetischen Richtlinien gefunden hätte, collagiert und drapiert der Mensch derweil das Tafelbild „Landschaft“. Auf diese Weise wird sie gerade jetzt wirklich Assemblage: das steckt der Förster seine Bäume zum Quadrat, der Bauer zieht seine Furchen je nach Förderprämie, das Konsortium für Massenbewegung gießt entlang der Ackerfurchen Asphaltlinien durch die Landschaft, dort wo der Wind weht rotiert die Stromversorgung und schließlich richten sich noch Funktürme an ihren Magnetfeldern aus. Die Städte und Kreise versuchen diese Assemblage noch mit einem Plan in die Sphären von Gestaltung hinüber zu retten, um das ihnen Eigene zu behaupten, doch haben sie im Dickicht der Verfahren, Zahlen, Richtlinien und Förderprogrammen die Ästhetik eben dieses vermeintlich Eigenen lange schon aus ihrem Blickwinkel verloren.

Alles was in diesem Assemblage zum Ausdruck drängt ist die „Ökonomie der Nutzungszusammenhänge“ und je weniger Menschen eine Rendite an diesen Nutzungszusammenhängen erreichen, desto weniger Menschen können sich mit diesem Assemblage identifizieren. Die „Landschaft“ gehört dem Menschen nicht mehr und so suchen sie Zuflucht in städtischen Freizeitparks oder in US-Filmen (der Landschaft wegen). Die wenigen Nutzer von „Landschaft“ kümmern sich um jene Teil der Landschaft, die Gewinn bringen und die vielen Benutzer von „Landschaft“ interessieren sich bestenfalls gerade für das, was sie eben benutzen.

Dieser weitläufige Mangel an Identifikation schlägt gerade heute auf die Ökonomie zurück. Unsere „Landschaft“ befindet sich zwischen dem Begriff der Arbeit und der Hoffnung, zwischen Brachen und Intensivierung, zwischen Verwaldung und Verwaltung. In dieser, in diesem Sinne auch anachronistischen Assemblage, fühlt sich der „Mensch ohne Arbeit“ verloren.

Die Frage für das kommende Jahrtausend wird sein: Wie kann der Mensch am Entstehungsprozeß der Assemblage wieder sinnhaft beteiligt werden? Was kann der Einzelne hinzufügen, um Identifikation in der „Landschaft“ zu finden?

Wir haben verschiedene Versuche unternommen, um das apathischen Verhältnis zur „Landschaft“ aufzubrechen, um den Nutzer und Benutzer aus seinen Rollen und Disziplinen ein wenig in die bunte Welt der Möglichkeiten hinüber schauen zu lassen, um ihnen die ästhetische Dimension ihres alltäglichen Handelns anschaulich zu machen.

Wir nennen das interdisziplinäres Entwerfen, weil dabei nicht nur nebeneinander gelegt wird, sondern das Handeln des Einen das Handeln des Anderen durchdringt. Was dabei entsteht ist eine lebenswerte Ästhetik mit unerwarteten Synergien.

Orginal von Frank Schumann, C2003



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