Die Vorstellung, daß die Landschaft ein Bild sei, dürften wir wohl der Malerei zu verdanken haben. In ihrem emanzipatorischen Prozeß vom Clerus machten sich die Maler auf die Suche nach neuen Bildinhalten und stießen auf die Erhabenheit des Natürlichen in der Landschaft und dabei auch auf neue Auftraggeber für ihre Tableaus. Das aufstrebende Bürgertum war zu jener Zeit mit viel Geld aber wenig Macht unterwegs auf der Suche nach eigenen ästhetischen Formulierungen, mit denen sie sich auch kulturell vom Adel emanzipieren konnten. Und weil weder in der Renaissance die fürstlichen Parkanlagen, noch später die barocken Gärten des Adels dem Bürger so recht zugänglich waren, machte er sich auf den Weg in die „wilde“ Landschaft, wo er dem Maler begegnete, der gerade damit beschäftigt war, dem vermeintlich noch Wilden auf der Leinwand eine lyische Gestalt einzuhauchen.

Landschaftsbild Peter Brueghel
Pieter Brueghel d. Ae. (1564-1638) gehört zu den ersten Malern, denen Landschaft als Inhalt ihrer Malerei hinreichte. Zwar dient das Gelände immer noch als Szene einer menschlichen Handlung, kommt aber schon mit ganz eigner Kraft daher. Zum eigentlichen Thema wurde Landschaft in der Malerei jedoch erst durch den Niederländer Esaias van de Velde, der das Gelände zum Motiv machte. Der Blick wurde das entscheidende Kriterium. Mit dessen Hilfe wurden Szenen ausgewählt und bildlich dargestellt. Wirklich berührt wurden jedoch die Herzen des Bürgers erst im 17 Jahrhundert durch die Landschaftsbilder von Jakob van Ruisdael. Er beeinflußte nachhaltig das gesamte Bild von Landschaft bis in unsere Zeit. Was bei ihm so wesentliches hinzukam, war die Intuition. Dem wilden Gelände wurde die Schönheit abgerungen, den Dingen die Poesie. Von Jakob van Ruisdael behaupteten Kritiker zu jener Zeit, er habe die Landschaft in der Dunkelkammer seiner Seele entstehen lassen. Fortan wurden Landschaftsbilder im Kopf als Symbiose vom Fragment einer Landschaft, dem Blick darauf und der Intuition entworfen. Die Landschaft gereichte in der Malerei zur lyrischen Metapher.
Wenige Jahrzehnte später wurde die „Grand Tour“ zur Pflichtübung des jungen englischen Bildungsbürgers. Sie führte in das von Kriegen zerüttete Italien, wo die Ruinen bedeutender Burgen und Schlösser langsam von Zypressen und Zitronenbäumen erobert worden waren. Im Kopf führten die Reisenden das Landschaftsbild der holländischen Maler mit. Sie sahen nicht mehr die Landschaft, sondern die Reisenden sahen Bilder. Ihr Blick war bereits auf die Poesie des Fragments geschult.
Zurückgekehrt nach England traten die Lords ihr Erbe an und hatten nichts anderes mehr im Sinn, als die fragmentiert erlebte Landschaft und die dadurch wach gerufenen Visionen auf ihren Ländereien als begehbare Tableaus umzusetzen.
Wo Claude Lorrain 1672 mit Aeneas in Delos eine idealisierte Antike auf dem Tafelbild nach literarischer Vorlage malte, läßt Henry Hoare 1781 den Besucher seines Gartens wirklich dort ankommen. Der englische Landschaftspark war bereits mit den großen Entwürfen und Visionen von William Kent um 1740 (die Landschaft von Rousham, Oxfordshire) geboren und mit ihm das eigentliche Landschaftsbild. Denn mit dem englischen Landschaftspark wurde das gemalte Bild und die erzählte Literatur zur erlebaren Wirklichkeit und die Landschaft erstmals zu einem gestalteten Bild. Landschaft wurde zu einem Konstrukt aus der Kulturgeschichte der Malerei, dem leidenschaftlichen Blick und der Vision.
Der englische Landschaftspark war jedoch mehr als die Nachbildung literarischer und visueller Vorlagen. Er bestand vor allem aus einer Abfolge malerischer Landschaftsbilder, die beim Spaziergang sich vor den Augen der Besucher eröffneten und er war insofern der Vorbote des Cinefilms. Die Poetik des Details aus der natürlichen Umwelt wurde zu einer gigatischen Gesamtkonzeption im Landschaftspark transformiert. Gleichermaßen aber waren und blieben sie Zufluchtsorte, Refugien der Erholung. Als Ressourcen waren die Parks angelegt und fanden ihre Nachahmung in ganz Europa. Denn das Bildungsbürgertum suchte in dieser Bilderwelt eine Zuflucht, vor der Umwelt, die sich entlang der ökonomischen Dynamik nach einer ganz anderen Ästhetik gestaltete. Während Lanzelot Brown im ausgehenden 18. Jahrhundert seine Vision von Landschaft ungehindert bei der Umgestaltung des Gartens von Petworth in Sussex umsetzen konnte bestimmten außerhalb dieser Zufluchtsorte bereits die Manufakturen das gerade neu ins

Landschaft als Park
Bewußtsein getretene Landschaftsbild. Die Industriealisierung zog eine Veränderung auch der Agrarlandschaft mit sich und die bald darauf folgenden Landreformen stahlen endgültig der Natur ihren abenteuerlichen Reiz des „Wilden“. Derartiger Widerspruch zwischen der Illusion einer poetischen Natur, wie sie in den Bildern der Landschaftspark wach gerufen worden war, und der durch die Ökonomie der industriellen Gesellschaft durchstrukturierten Landschaft mußte unweigerlich das tragische Selbstverständnis auslösen, wie es sich in der Romantik des 19 Jahrhunderts zum Ausdruck bringt. Eine beeindruckende Umkehrung findet statt, wenn William Turner für seine Landschaftsgemälde bereits 1827 in den Petworth Park zog, weil er dort das zu finden vermeinte, was er sich unter Natur vorstellte. Dem Gartenkünstler Lanzelot Brown war es indess durch Reduktion der ästhetischen Mittel und enormen Aufwand gelungen, daß der Park als natürliche Landschaft wirkte. Er inszenierte nicht mehr ein Bild der Natur, sondern die Natur selbst.
In dieser Dichotomie von ökonomischer Strukturierung entlang den Eigentumsgrenzen und der gestalterischen Umsetzung einer Vision „Natur“ entwickelte sich die industrielle Gesellschaft zum „Global Village“, wo im virtuellen Chaos zwischen Bits und Byts die Rückgewinnung der Poesie des „Natürlichen“ dank der „fraktalen Geometrie“ ihre eigene Visualisierung erfährt.
Zwischen GPS – Landwirtschaft, Industriebrachen und Stillegungsflächen tanzen selbst die Landschaftsbilder nur noch wie verweiste Geister einer Kulturgeschichte in unseren Köpfen.
Das von der industriellen Gesellschaft zurückgelassene monochrome Landschaftsbild wird heute, angesichts der Option, welche die colorierten Digitallandschaften verheißen, als Landschaftsverödung empfunden, demzugrunde allermeist eine unmittelbar an die Romantik des 19. Jahrhunderts gekoppelte Vorstellung von Landschaft liegt: eben die vom ursprünglich englischen Landschaftspark. Diese Verknüpfung ist von mehreren Seiten durchaus berechtigt. Denn wir haben es heute ausschließlich mit inszenierter Landschaft zu tun und auch wir sind wieder auf der Suche nach visueller Zuflucht (Ressource).
Es ist zwar (aus verständlichen Gründen) abwegig, den Landschaftspark als Vorbild für eine postindustrielle Gesellschaft zu nutzen, doch wir können durchaus von ihm lernen.
Unser Blick auf die Landschaft hat sich geändert, ebenso unsere Lebensweise in ihr und die Formen dessen, was Abenteuer, Natürlich etc. für uns bedeutet. Wir verlangen etwas anderes von der Landschaft, doch was immer das Andere sein mag, muß es erlebnisreich sein. Es muß sich, vom visuellen Charakter her, von der flurbereinigten Landschaft unterscheiden.
Orginal: Frank Schumann, C2000
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